Unsere Stadt ist unsere Wohnung

von Farghana


Ich habe die meiste Zeit meines Lebens in Kabul gelebt. Dort gibt es sehr viel Müll auf den Straßen. Berge von Müll. Das hat mich schon immer gestört. Vieles ist kaputt durch den Krieg, und dazu noch der ganze Müll.

 

Ich dachte, durch den Krieg ist den Menschen alles egal und sie werfen ihren auf die Straße oder lassen ihn einfach liegen, wo sie gerade sind. Ich fand das immer schrecklich, aber als Frau in Kabul konnte ich nichts dagegen tun, es war zu gefährlich. Aufgeregt habe ich mich über die Müllberge trotzdem. Meine Freunde sagten zu mir: „Du bist verrückt! Warum stört dich das so?“ Darum: Es ist unsere Stadt, unsere Erde. Wir leben auf ihr. Sie gibt uns Leben.  In Kabul sagt man: „Unsere Stadt ist unsere Wohnung.“ Eine saubere Wohnung ist sehr wichtig in Kabul, schließlich ist die Wohnung auch ein Ort, um zu beten. Aber keiner hält sich daran, dass „unsere Stadt unsere Wohnung ist“!

 

Vor anderthalb Jahren bin ich nach Bonn gekommen. In Bonn habe ich festgestellt: Obwohl es hier keinen Krieg gibt, gibt es auch hier viel Müll auf den Straßen und Plätzen. Nicht so viel wie in Kabul, aber doch viel Müll.

 

Das hatte ich nicht erwartet. 

 

Das hat mich sehr überrascht.

 

Das hat meinen Sinn für das Schöne gekränkt.

 

Ich habe Angst bekommen, dass es in Bonn bald so aussehen würde wie in Kabul.

 

Das wollte ich vermeiden. Hier konnte ich als Frau etwas dagegen tun.

 

Ich wollte helfen, es schön zu machen für Menschen.

 

Eine saubere Umgebung für geordnetes Menschsein.

 

Deshalb bin ich auf die Idee gekommen: Ich sammle den Müll von den Straßen und Plätzen auf. Ich übernehme Verantwortung für Schönheit, weil ich mich nach Schönheit sehne.

 

Das habe ich nun ein halbes Jahr gemacht. Hatte immer einen großen Sack für den Müll dabei und habe alles aufgesammelt, was mir ins Auge sprang.

Manche Menschen haben mir beim Müllsammeln zugeschaut und gesagt: „Gut, dass sie das machen.“ Das hat mich motiviert. Einmal hat sogar jemand mitgeholfen. Auch das war motivierend.

 

Aber es ist mir nicht immer leichtgefallen. Es war oft frustrierend – am nächsten Tag war wieder alles voll mit Abfall.

 

Trotzdem bin ich zufrieden, dass ich es gemacht habe. Es beruhigt mich: Ich habe meinen Teil beigetragen!

 

Euer Kolibri Farghana