Genügsamkeit statt grenzenlosem Wachstum

 von Susanna

Nachdem sie sich in ihrem letzten Beitrag der politischen Dimension von Kaufentscheidungen gewidmet hat, untersucht Kolibri Susanna nun die psychischen Auswirkungen eines ungebremsten Konsumzwangs.


Das Politische und das Private lassen sich nicht trennen. Nachhaltiger Konsum bedeutet auch, die eigenen Überzeugungen mit dem Handeln in Einklang zu bringen. Für niemanden fühlt es sich gut an, etwas zu tun, das den eigenen Werten widerspricht. Manche können es nur besser verdrängen als andere. Es gibt sehr viele tierliebende Fleischesser, die niemals in der Lage wären ein Schwein zu töten. Aber auf dem Tisch liegt ja die Salami und kein totes Schwein.

 

Der moderne Mensch muss lernen, eigenverantwortlich zu handeln und sich selbst einzuschränken. Unsere Urgroßeltern brauchten sich nicht die Frage zu stellen, ob es okay ist, jeden Tag Fleisch zu essen, weil die Mittel dafür schlicht und ergreifend nicht da waren und es noch keine Massentierhaltung gab. Der Wohlstand bringt uns ein ungekanntes Maß an Freiheit, aber eben auch die Verantwortung, unsere eigenen Grenzen zu setzen, damit wir uns selbst, anderen Menschen und der Natur nicht schaden.

 

Diese Selbsteinschränkung erscheint zunächst als eine Entbehrung, doch ich bin mir sicher, dass es in Wirklichkeit eine große Bereicherung ist. Man muss kein überzeugter Altruist sein oder überhaupt moralische Gründe anführen, um die Vorzüge des Verzichts genießen zu können. Der Überfluss hat das Besondere wertlos gemacht. Alles ist immer und überall verfügbar. Wenn wir also lernen könnten, Dinge wieder wert zu schätzen, die wir als selbstverständlich wahrnehmen, wäre das ein unglaublicher Gewinn an Lebensqualität.

 

Nicht der Verzicht, sondern der zügellose Konsum macht uns unfrei. Dieses System macht alle Menschen zu Sklaven, nicht nur arme Menschen in Entwicklungsländern, auf deren Ausbeutung unser Wohlstand beruht. Wir haben viel mehr, als wir brauchen, viel mehr, als uns guttut. Weil ständig neue Bedürfnisse kreiert und uns regelrecht eingepflanzt werden. Diese Mechanismen funktionieren so gut, weil Kapitalismus und Konsumwahn tatsächlich eine Leere in uns erzeugen, und vermeintliche Antworten gleich mitliefert.   

 

Die Freude über das neueste iPhone ist von kurzer Dauer. Die Likes auf dem eigenen Instagram-Profil verschaffen auch nur kurzzeitige Befriedigung, eine neue Netflix-Serie oder ein bisschen Zocken ist nur eine willkommene Ablenkung zwischendurch.

Wir alle sind zu Junkies geworden. Aber die Leere in uns können wir so nicht füllen. Wir bedienen nur ein künstliches Bedürfnis, an dessen Ende nicht etwa mehr Zufriedenheit steht, sondern wiederum der Wunsch nach mehr. Aber was wäre, wenn wir aus diesem Kreislauf von Sucht und Konsum ausbrechen würden? Innere Ruhe und Genügsamkeit statt Gier nach narzisstischer Selbstbestätigung, Streben nach Ausgeglichenheit statt der rastlosen Suche nach dem nächsten Kick. Bewusst beobachten und genießen; ein Teil sein, ohne Anspruch auf das Ganze zu erheben.

Einfach zu sagen: „Ich brauche das alles nicht!“ wäre keine Selbstgeißelung, sondern eine echte Befreiung. Eine Möglichkeit zur Selbstfindung und Reflektion. Was will ich wirklich? Was kann ich tun, um es zu erreichen? Nur, wenn wir uns mit diesen Fragen auseinandersetzen, können wir unser Denken und Fühlen verändern und uns langfristig aus unseren Ketten befreien. Es ist nur eine Stellschraube von vielen, aber eine ganz essentielle, an der jeder drehen kann.

 

Derzeit steht die Welt Kopf wegen eines Virus, der für die meisten Menschen zum Glück keine tödliche Gefahr darstellt. Das öffentliche Leben ist weltweit lahmgelegt. Das ist richtig und notwendig, um Menschenleben zu retten und das Gesundheitssystem nicht zu überlasten. Der Umgang mit Covid-19 zeigt, wie schnell und gezielt politische Entscheidungen sogar auf globaler Ebene angesichts einer unmittelbaren Gefahr getroffen werden können.  Warum wird auf die nicht minder akute Gefahr der Folgen des Klimawandels nicht mit der gleichen Handlungsbereitschaft und Solidarität reagiert? Schließlich steht hier das Überleben der gesamten Menschheit auf dem Spiel.

 
Für den Menschen, der im Hier und Jetzt lebt, ist es schwer zu begreifen, wie akut der Handlungsbedarf ist. Aber wer würde auf halber Strecke aufgeben, wenn er um sein Leben rennt? Oder um das Leben seiner Kinder? Welcher Arzt würde einen schwerverletzten Patienten, der kurz vorm Verbluten ist, vertrösten, weil er gerade in die Mittagspause gehen will? Genau das machen Politiker, das machen wir alle, weltweit: Wir zögern, warten ab, machen Kompromisse.

 

Und warum? Weil kompromissloses Handeln zwangsläufig in der Systemfrage mündet. Nachhaltigkeit lässt sich nicht mit dem Kapitalismus und dessen oberstem Prinzip des nie endenden Wachstums vereinbaren. Unsere Ressourcen sind begrenzt, unser Ziel sollte besser eine Stagnation des Wachstums sein. Jetzt würde manch einer sagen: „Das wäre ein Katastrophe!“ Mag sein, aber die Katastrophe die uns mit dem fortschreitenden Klimawandel bevorsteht, ist nicht nur weit aus bedrohlicher, sondern irreversibel. Es gibt durchaus denkbare Alternativen zum kapitalistischen Wirtschaftssystem. Aber es gibt keine Alternative zu unserem Lebensraum.

 

Euer Kolibri Susanna