Nachhaltig Leben – k(l)eine Experimente!

 von Susanna

"Practise what you preach!" In unserem Blog hat Kolibri Susanna bereits über das Verhältnis von Demokratie und Konsum geschrieben und die Vereinbarkeit von Kapitalismus und nachhaltiger Entwicklung in Frage gestellt; jetzt schildert sie ihre eigenen Erfahrungen. Von Nähmaschinen, Fair-Teilern, Unverpackt-Läden und unerwarteten kulinarischen Entdeckungen. 


Das Thema „Nachhaltiger Konsum“ ist seit Beginn der Operation Kolibri für mich allgegenwärtig. Mein Selbstexperiment besteht im Kern darin, meine Konsumentscheidungen bewusster anzugehen. Dabei geht es mir sowohl um Lebensmitteln, als auch andere Artikel des alltäglichen Gebrauchs, wie beispielsweise Kleidung. Ein weiterer Anspruch bestand für mich darin, möglichst auf Verpackungsmüll zu verzichten.

 

Besonders inspirierend fand ich dabei diese Grafik, auf die ich bei der Recherche gestoßen bin:

Sobald in mir der Gedanke gewachsen ist, dass ich etwas Bestimmtes benötige, bin ich diese Pyramide in meinem Kopf durchgegangen. Dabei ist mir bewusst geworden, dass ich viele der Optionen vorher überhaupt nie auf dem Schirm gehabt habe.  Wenn etwas kaputt gegangen ist, habe ich es oft einfach weggeschmissen und neu gekauft, ohne darüber nachzudenken, ob und wie ich es reparieren könnte. Oder ich habe Dinge gekauft, die ich ohne großen Aufwand auch selbst hätte herstellen können. Mal abgesehen von all den Dingen, die ich gekauft habe, ohne mich zu fragen, ob ich sie denn wirklich brauche.

Do-it-yourself!

Ich habe großen Spaß daran entwickelt, Dinge selber zu machen.  Das Buch Hab ich selbst gemacht von Susanne Klingner hat mich dabei sehr inspiriert. Nach langer Zeit habe ich meine Nähmaschine aus dem Keller geholt. Aus Stoffresten habe ich Abschminktücher, Taschentücher und – aus gegebenem Anlass – auch  Masken angefertigt.

 

Außerdem habe ich verschiedene Pflegeprodukte (Deo, Duschgel, Shampoo etc.) sowie Reinigungsprodukte (Waschmittel, Geschirrspülpulver, Spülmittel) hergestellt und war überrascht über die meist gute Wirkung. Manches ging natürlich auch schief, aber das gehört zu einem Experiment schließlich dazu!

Meine Kleidung habe ich ausschließlich Second Hand gekauft. Gemeinsam mit Kolibri Mieke habe ich eine Second-Hand-Shopping-Tour organisiert, wobei wir u.a. das Gebrauchtwarenkaufhaus Schatzinsel und den Bonner Tierheimladen besucht haben. Ich habe schon länger einen Faible für Second-Hand-Kleidung, weil es sich immer so anfühlt, als würde man einen Schatz finden – man muss zwar etwas länger suchen, aber dafür zahlt man fast nichts!

 

Das einzige Kleidungsstück, das ich mir seit Beginn meines Experiments tatsächlich neu gekauft habe: Socken! Das war einer der wenigen Produkte, bei denen mir klar wurde: Ich muss tatsächlich neue kaufen, und zwar möglichst ökologisch und fair. Im Internet wurde ich fündig und habe drei Paar Socken bestellt – 12,90 € das Paar! Da musste ich kurz schlucken. Doch ich muss sagen: Es sind die besten Socken, die ich je hatte. Und wenn sie doch irgendwann ein Loch haben sollten, frage ich einfach Kolibri Dirk, wie man sie stopft!

Sharing is caring

Die besagte Pyramide kann man teilweise auch auf den Konsum von Lebensmitteln anwenden. Das Credo „Nutze, was du hast“ ist für mich sehr wichtig. Bevor ich einkaufen gehe, schaue ich nun immer, was ich noch an Lebensmitteln hab, die verbraucht werden müssen und suche entsprechende Rezepte raus.

 

Das „selber machen“ versuche ich vor allem durch den Anbau von Gemüse umzusetzen. Aber auch in der Küche habe ich verschiedene Experimente gewagt.

 

Zu Beginn des Projektes habe ich mich spontan mit Kolibri Kwamé getroffen, um gemeinsam Sauerkraut herzustellen. Das war für mich eine Premiere und hat mir viel Freude bereitet. Am Ende hatte ich ein großes Glas voll mit Sauerkraut und konnte sehr lange davon zehren. Im Laufe der Zeit habe ich Paprika geröstet und eingelegt, Brot gebacken, Pesto und Hummus hergestellt – mit mal mehr, mal weniger zufrieden stellendem Ergebnis, aber immer mit ganz viel Freude beim Ausprobieren!

 

Das Prinzip „Gebraucht kaufen“ lässt sich auf Lebensmitteln natürlich nicht anwenden…aber man kann Lebensmittel weitergeben, die man selbst nicht mehr benötigt! Schon länger interessiere ich mich in dem Zusammenhang für das Thema Foodsharing. Jetzt hatte ich im Rahmen des Kolibri-Projekts endlich den nötigen „Ehrgeiz“ entwickelt, Foodsaverin zu werden – also offiziell im Auftrag von Foodsharing Lebensmittel in Betrieben abzuholen und weiter zu verteilen.

 

Die ersten beiden Abholungen, bei denen ich noch begleitet wurde, waren ein Schock – ich konnte gar nicht glauben, wie viel Lebensmittel die Betriebe wegschmeißen müssen! Letztendlich habe ich regelmäßig in einem Hotel Teigwaren abgeholt, die vom Frühstücksbuffet übriggeblieben sind.  Da war die Menge etwas überschaubarer (meist ca. 150 Brötchen, sowie Brot und Teilchen). Die Teigwaren habe ich dann an eine Abgabestelle gebracht – eine katholische Gemeinde, die täglich ein Frühstück für Obdachlose bereitstellt. Außerdem gibt es verschiedene, sogenannte Fair-Teiler, in die ich einen kleinen Teil der Ausbeute gebracht habe, z.B. in der alten VHS.  Derzeit bin ich gezwungenermaßen leider inaktiv, weil das Hotel geschlossen hat und die Aktivitäten von Foodsharing insgesamt stark eingeschränkt sind.

Einkaufen mit Plan

Ich mache fast jedes Wochenende einen Einkauf, der in der Zwischenzeit zu einem regelrechten Ritual geworden ist. Vor meinem Experiment war mein Wochenendeinkauf denkbar unspektakulär: Ich bin zum Discounter gefahren und habe alles gekauft, worauf ich Lust hatte. Manchmal hatte ich eine ungefähre Vorstellung davon, was ich kochen will, oft habe ich aber auch spontan etwas in den Einkaufwagen geschmissen und es am Ende doch nicht verbraucht. 

 

Ich habe festgestellt: Nachhaltige Ernährung setzt sorgfältige Planung voraus! Zu Hause suche ich vor dem Einkauf immer auf Basis der noch vorhandenen Lebensmittel und der Saison Rezepte heraus und mache mir eine Einkaufsliste. Dann schaue ich, welche Lebensmittel ich im Unverpackt-Laden potentiell bekomme und packe die benötigten Gefäße ein. Im Laufe der Zeit habe ich eine Menge Glasgefäße gesammelt, die ich früher weggeschmissen hätte (Marmeladengläser etc.) Dann geht es los auf meine Tour, die - vor allem unter den derzeitigen Bedingungen - schon mal zwei Stunden in Anspruch nehmen kann.

 

Im Unverpackt-Laden einzukaufen war eine ganz neue Erfahrung für mich. Das Bönnsche Lädche auf der Kölnstraße öffnete passenderweise in der Anfangsphase des Kolibri-Projekts. Dort decke ich mich u.a. mit Müsli, Nudeln, Mehl, Öl und Gewürzen ein – also v.a. Lebensmitteln, die nicht gekühlt werden müssen. Man bekommt dort aber auch Eier, Frischmilch, Joghurt und Quark vom regionalen Bauernhof.

Anschließend radele ich weiter zum Bonner Markt und decke mich am Biostand ein. Alle übrigen Lebensmittel kaufe ich im Bioladen.

 

Am Wochenende koche ich dann viel für die Woche vor, so dass ich etwas mit auf die Arbeit nehmen kann. Vorher war es häufig so, dass ich mittags entweder in eine  Kantine gegangen bin oder mir etwas beim Bäcker geholt habe. Diese Kosten haben sich derart „geläppert“, dass ich unterm Strich heute nicht mehr Geld für Lebensmittel ausgebe  als früher.

Verzicht? Von wegen!

Interessant war es für mich, mir bewusst zu machen, welches Gemüse und Obst regional und saisonal verfügbar ist. Das war ein Wissen, das mir vorher in großen Teilen fehlte! Es hat aber nicht zu einer Einschränkung meiner Ernährungsvielfalt geführt, sondern im Gegenteil zu einer Ausweitung. Ich habe vorher immer das gleiche Obst und Gemüse gegessen und dabei beispielsweise die Existenz von Kohl weitestgehend ignoriert. Jetzt habe ich manches Gemüse das erste Mal in meinem Leben selbst verarbeitet. Rückblickend kann kaum fassen, wie einseitig ich mich vorher ernährt habe und was mir dadurch alles entgangen ist!  

 

Ich musste jedoch feststellen, dass es schwierig ist, das ganze Jahr über regionales und saisonales Obst zu verzehren – den Winter über habe ich noch hauptsächlich Äpfel gegessen. Im Frühjahr habe ich dann beschlossen, auch saisonales Obst zu kaufen, das nicht regional ist, so lange es bio-zertifiziert ist.

 

Ich probiere fast jede Woche neue Rezepte aus und verbringe viel mehr Zeit als vorher in der Küche. Insgesamt habe ich gelernt, Lebensmittel mehr wertzuschätzen – nicht nur, weil sie mehr kosteten, sondern auch, weil ich mir mehr Zeit genommen habe, sie zu besorgen und zu verarbeiten.

Es geht weiter!

Ich habe dieses Experiment von Anfang nicht als eine harte Herausforderung oder gar Selbstgeißelung empfunden. Für mich war es eher wie ein Spiel, bei dem ich nicht verlieren, sondern nur gewinnen kann. Wichtig war für mich dabei, dass ich auf jeden Fall Ausnahmen machen kann, solange ich mein Ziel  nicht aus dem Blick verliere. So habe ich zwischendurch manchmal etwas nachgelassen, aber ich habe das nicht als „Sünde“ empfunden und immer wieder zurückgefunden.

 

Das Experiment ist natürlich nicht vorbei, sondern geht immer weiter! Eigentlich sind es ganz viele kleine Experimente. Ich stehe noch ganz am Anfang des Experiments „Garten“ und mir fallen immer wieder neue Dinge ein, die sich nachhaltiger gestalten lassen. Ich freue mich auf die vielen kleinen Überraschungen, die mir noch bevorstehen.

 

Euer Kolibri Susanna

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